Rainer Trampert antwortet auf Hermann L. Gremlizas Text: „Trump und Trampert“ in „Konkret“ 7/2018

DruckversionDruckversionPDF speichernPDF speichern

 

Wie die reale Diktatur islamischer Prägung geleugnet und Israel unter Berufung auf den Kapitalismus eine „Diktatur“ angehängt wird!

 

    Gremliza rechnet erst einmal ab - nach 27 Jahren. Zu Recht und zugleich rechthaberisch. Der von ihm aus der Flugschrift der „Radikalen Linken“ von 1991 zitierte Text über Israel war falsch und schlecht. So schlecht wie Gremlizas damaliger Text, in dem er Raketen, die Saddam Hussein auf Israel abfeuerte, und den Giftgaseinsatz gegen Kurden in eine Bedrohung von deutschen Kindergärten in Frankfurt ummünzte. Der Deutsche fühlt sich halt wohler in der Opferrolle. Die Abrechnung mit dem, was 1991 zu Papier gebracht worden war, soll aber nur einen denunziatorischen Zweck erfüllen. Denn Gremliza benutzt den alten Gruppentext (den ich nicht mehr besitze und vergessen hatte), um mir zu unterstellen, ich hätte mir die Geschichte „von 1991 so sehr zu Herzen genommen“, dass ich heute in meinem Artikel über das Nuklearabkommen mit dem Iran „den Trump etwas zu gut“ missverstehe. „Wer dieser Trump ist“, verdiene doch wohl eine Erwähnung.

     Man kann Trump stündlich erwähnen. Man kann mich aber nach meinen diversen Trump-Kritiken nicht derart schlecht missverstehen. Die Suggestion, Trump käme bei mir heute aus therapeutischen Gründen wegen eines Vorfalls vor 27 Jahren zu gut weg, ist infam und blödsinnig. Ich habe über „Trump“ geschrieben: „In den USA hat sich das regressive Establishment der Politik bemächtigt, die ihre Diplomatie und vermittelnde Funktion einbüßt.“ ... „Das kommt dabei heraus, wenn das Proletariat im Rostgürtel, das Fremde verabscheut und wieder ‚Neger’ sagen will, im Einvernehmen mit Bibeltreuen, Nationalkeynesianern, Teaparty-Republikanern, dem Ku-Klux-Klan und der faschistischen Alt-Right-Bewegung, allesamt irrtümlich als Abgehängte tituliert, einem narzisstisch gestörten Raufbold die Präsidentschaft der größten Wirtschafts- und Militärmacht der Welt überträgt - mit dem Auftrag, die Globalisierung zu beenden und Fremde zu vertreiben.“ Ich schrieb: Trump demontiere die USA „als Patron des Westens und des Freihandels, um ohne Rücksicht auf Werte und Bündnisse“ in nationale Konkurrenzschlachten gehen zu können. Das alles kann gar nicht missverstanden werden. Punkt!

     Bevor Gremliza zur Sache kommt, legt er sich eine Reihe anderer Dinge mit simplen Kunstgriffen für den Gebrauch zurecht. Dazu zählen aufdringliche, überflüssige Belehrungen und von jeder Dialektik befreite Sequenzen. Ein paar Korrekturen: Wer schreibt, dass Saudi-Arabien um eine Modernisierung für die Zeit nach dem Öl bemüht ist, muss kein Freund der Scharia sein! Wer nachweist, dass der Iran-Deal die atomare Aufrüstung des Iran nicht verhindert, ihm durch die Aufhebung der Sanktionen sogar Finanzen für seine Aufrüstung und Kriege zukommen ließ, muss kein Freund von Trump sein! Der Atom-Deal wird nicht gut, weil Trump ihn schlecht findet! Wer fähig ist, zwischen der Anerkennung des jüdischen Staates und der von den iranischen Ajatollahs angedrohten Vernichtung Israels zu unterscheiden, muss nicht Freund einer „Diktatur des Kapitals“ sein. Wer zwischen einer Demokratie und einer Scharia-Diktatur unterscheiden kann, ebenfalls nicht. Vorbeugend sei erwähnt: Wer den Judenhass im islamischen Raum beim Namen nennt, will damit nicht Deutschland vor Flüchtlingen muslimischen Glaubens abschotten. Über 40 Prozent der Deutschen stimmen der Behauptung zu: „Israel behandelt die Palästinenser so, wie die Nationalsozialisten die Juden.“ Wer den Umstand, dass 20 Prozent der israelischen Bevölkerung arabische Muslime bzw. Palästinenser sind, die in Israel arbeiten, studieren, Auto fahren, feiern und schwul sein dürfen, gleichsetzt mit Auschwitz, den hat der Antisemitismus verrückt gemacht. Fast jeder zweite Deutsche ist von diesem Irrsinn befallen. Antisemitismus kommt also nicht erst mit Syrern ins Land.

      Gremliza belehrt: Die USA könnten gar nicht zum „national orientierten Imperialismus früherer Epochen“ zurückkehren, weil Imperialismus immer national gewesen sei. Unterscheidet sich eine Epoche, in der Nationen die Diplomatie beenden, Binnenmärkte, Staatenbündnisse, Produktionsketten auflösen und protektionistische Barrieren auftürmen nicht von einer, in der das alles für den Welthandel installiert wird? Marx schrieb: „Solange alles gut geht“, agiere die Konkurrenz als Brüderschaft, „sobald es sich aber nicht mehr um Teilung des Profits handelt, sondern um Teilung des Verlustes“, suche jeder seinen Anteil zu verringern „und dem andern auf den Hals zu schieben“. Wie viel jeder zu tragen habe, sei dann „eine Frage der Macht und der List, und die Konkurrenz verwandelt sich dann in einen Kampf der feindlichen Brüder“. Gremliza negiert Untersuchungen und Erkenntnisse, um befreiter mit der eigenen Propaganda loslegen zu können. Da hat Putin dann nicht etwa für das Assad-Regime und seinen Einfluss im Nahen Osten bombardiert, sondern für einen guten Zweck.  

     Kommen wir zum Kern des Pamphlets. Ich hatte geschrieben: „Wenn man sich erlaubt, die Gebietsansprüche und den völkischen Krimskrams (der Palästinenser) durch humanitäre, soziale, demokratische und emanzipatorische Kriterien zu ersetzen (also durch linke Inhalte), müssten die von Israel besetzten Gebiete“ befreite heißen. Befreit von der klerikalen Diktatur, von der Verhüllung der Frau, von der Zwangsehe, vom Richterspruch des Patriarchen, der Hinrichtung von Schwulen durch die eigenen Brüder.“ Gremliza schreibt: „Die Sottise gefällt. Sie gefiele besser, wenn sie nicht unterstellte, irgendeine der Mächte, die hier am Werk sind, habe dergleichen im Sinn. Das sieht Trampert denn doch wieder ... Richtig falsch.“

     Was ist falsch daran? Gibt es das alles nicht? Nicht in der Abbas- und nicht in der Hamas-Diktatur? Nicht in Syrien, im Iran, in Saudi-Arabien? Überall in israelischer Nachbarschaft gibt es Scharia-Gesetze, Sippen-Gerichtsbarkeit, Zwangsehen, Freudenfeste über den Judenmord, Männergewalt, inhaftierte Journalisten, mit Sprengstoffgürteln zu Bomben verdinglichte Kinder ... Während Gremliza die islamischen Gesellschaften reichlich gut missversteht, diffamiert er meine Feststellung, dass Israel die einzige Demokratie „von Marokko bis Afghanistan“ sei, durch die Phrase, in Israel bleibe die „Demokratie Diktatur des Kapitals“. Ist es gleichgültig, ob Abbas, Putin, Erdogan kritische Journalisten ins Gefängnis werfen, weil alles sowieso nur Kapital sei oder wird bei Israel eine Ausnahme gemacht?

    Wenn man beides zusammenfügt, entsteht das ganze Bild. Spreche ich über islamische Diktaturen, soll meine Analyse „richtig falsch“ sein, geht es um Israel, lässt Gremliza Demokratie und tausend Freiheiten auf eine „Diktatur des Kapitals“ zusammenschrumpfen. Die reale Diktatur islamischer Prägung wird geleugnet, während Israel unter Berufung auf den Kapitalismus eine „Diktatur“ angehängt wird! Will er das Bild vom armen Moslem im Kampf gegen reiche Juden zeichnen? Schon bei Gremlizas Motivsuche bei der Ermordung der Redakteure von „Charlie Hebdo“ und der Juden im Pariser Supermarkt klang das an.

     Die Formel von den armen Gaza-Kriegern gegen reiche Juden ist eine antisemitische Legitimation, die den ganzen Humanismus mit in den Abgrund reißt. Ich erinnere an das 14-jährige palästinensische Mädchen, das der Vater an einen alten Beduinen verkauft hatte und das von der Mutter an israelische Soldaten in Hebron übergeben wurde, mit der Bitte, es in Israel in Sicherheit zu bringen. Eine Linke, die diesem Mädchen erzählt, dass es in Israel nur die „Diktatur des Kapitals“ zu erwarten habe, während bei ihm zu Hause keine Macht „dergleichen“ Böses „im Sinn“ habe, hat ihren Niedergang verdient. Die Leugnung des Bösen in klerikalen Diktaturen und des Guten in Israel scheint eine Fügung zu sein, die kein Hamas-Krieger mit Hakenkreuzfahne, kein Abbas, der „Auschwitz“ als gerechte Strafe für den jüdischen Geldverleih propagiert, kein Ajatollah, der Israel vernichten will, erschüttern kann. Fest sitzt die Versöhnung mit den Großeltern, die Deutsche fragen lässt, ob an den Juden nicht doch etwas dran gewesen sei, etwas, das in Israel zu finden sein müsste, fest sitzt die Solidarität mit nationalen Befreiungsfronten, die keine Freiheit, sondern nur den Machtwechsel anstrebten.

     Die Reduktion Israels auf die Diktatur des Kapitals zieht die Verachtung des bürgerlichen Humanismus, der gerade durch die Orbanisierung aus Europa vertrieben wird, zwangsläufig nach sich. Und so macht Gremliza sich lustig darüber, dass Palästinenser nach eigenen Aussagen die Arbeit bei Israelis vorziehen – „wegen höherer Löhne, Krankenversicherung, Gewerkschaften und Rechtssicherheit“, und auch „wegen des guten Umgangs israelischer Arbeitgeber mit Palästinensern“. Ich halte das für links, höhnt er. Nebenbei: Ich habe nichts davon als links bezeichnet, sondern diese Untersuchung der palästinensischen Autonomiebehörde zitiert, um Israels Beliebtheit im modernen palästinensischen Proletariat zu erklären. Warum soll ein Palästinenser nicht das feste Einkommen, die Bildung, die menschliche Behandlung schätzen? Soll er lieber Tunnel buddeln? Gremliza findet die von mir erwähnten „humanitären, sozialen, demokratischen und emanzipatorischen Kriterien“ nicht links. Jedenfalls nicht in Israel. Da sind die Rechte der Frauen, das Wahlrecht, das Singen, Tanzen, Lesen, Diskutieren, Kritisieren und Schwul-sein-dürfen die „Diktatur des Kapitals“. Dass Menschen in Nachbargesellschaften dafür ins Gefängnis kommen oder erschlagen werden, bestreitet er schlichtweg.  

     Ja, Kapitalismus ist u.a. die Betriebsdiktatur zur Steigerung der Ausbeutung, gleichwohl bestehen Unterschiede zwischen einem Kapitalismus, in dem bürgerliche Freiheiten zu Hause sind, und einem, in dem das Leben von den Ajatollahs, der Abbas-Behörde oder den Hamas-Milizen diktiert wird. Marx hat seinem revolutionären Subjekt Erleuchtung nur in freier Zeit zugetraut. Die „disposable time“ sei „Mußezeit“, „Zeit für höhere Tätigkeit“ und Entfaltung „des Genusses“ und daher „die Bedingung der Emanzipation“, schrieb er. Wie grausam ist eine Gesellschaft, in der auch diese Zeit durch Verbote und Kontrollen, durch Männergewalt, Milizen und religiös verbrämte Knechtschaft beherrscht wird. An diesen Lebensumständen, die von Linken oft als „Nebenwidersprüche“ abgetan wurden, weil es um „Lohnarbeit und Profit“ gehe, entzündet sich häufig der Widerstand. Jedenfalls wird der Mensch, der sich gegen diese Zwänge nicht auflehnt, kaum den Kapitalismus beseitigen. Und wer sich gar auf die Lüge einlässt, dass er alles Ungemach dem Juden zu verdanken habe, wird nicht seine Klassengesellschaft beseitigen, sondern Tunnel graben. Solidarität mit unterdrückten Palästinenser*innen läge in der Unterstützung ihrer Bereitschaft, die eigene Herrschaft zu stürzen, die sie mit Hilfe der völkischen Ideologie, des äußeren Feindes, der klerikalen, patriarchalen und polizeilichen Aufsicht und der Suggestion eines Gebietsanspruchs, der auf dem deutschen Schlesiertreffen nicht seinesgleichen findet, unterjocht. Die linke Akzeptanz von Diktaturen für die Sache (von der Sowjetunion über die DDR bis Gaza) hat die kommunistische Idee enthumanisiert und ihr einen Schaden zugefügt, der es mit der antikommunistischen Propaganda und dem in den Produktionsverhältnissen sich reproduzierenden Positivismus aufnehmen kann. --- Ich bitte um Abdruck.

 

Rainer Trampert