Abschiebeflug!

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von Rainer Trampert

‚Der Abend senkt sich über den Hamburger Flughafen, als die Maschine der Schweizer Charter Airline ‚Hello’ auf dem Rollfeld eintrifft ...’ So beginnt im Zeit-Magazin die Reportage über den „Abschiebeflug FHE 6842“, aus dem alle Zitate sind. Der Flug ist eine Sammelabschiebung der EU unter deutscher Federführung. 32 Afrikaner sollen in dieser Nacht von Hamburg nach Guinea, Togo und Benin transportiert werden. Der Aufsichtsbeamte ist ...

„Ich möchte nicht, dass mein richtiger Name in der Zeitung steht.“

In Ordnung! Wir nennen Sie ... Udo Radtke.

„Ich habe nichts zu verbergen. Aber die Behörde hat das angewiesen.“

Verstehe! Udo Radtke - dunkelblauer Anzug, Krawatte mit Hamburg-Wappen, sein schütteres blondes Haar ist sorgfältig gescheitelt - ist Abteilungsleiter in der Hamburger Ausländerbehörde. Er verlässt das Flughafengebäude, um aus seinem Dienstwagen Windeln zu holen.

„Es kommt vor, dass Abzuschiebende sich einkoten.“

Er packt Lebensmittel aus einem Pappkarton - Sandwiches, Obst, Müsliriegel – und arrangiert sie zu einem Buffet.

„Eine Mahlzeit lenkt die Afrikaner ab!“

Wovon?

„Die Ankunft am Flughafen ist ein kritischer Punkt. Hier begreifen sie, dass sie keine Chance mehr haben.“

Im Bundesinnenministerium nennt man ihn ‚den Innovator’.

„Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Politik darauf kam.

Ich träumte schon in den 90er Jahren davon, die Sache viel größer aufzuziehen.

Was meinen Sie mit: ‚die Sache größer aufziehen?’

„Die Abschiebung per Sammelcharter! Sammelcharter ist die Zukunft. Er wird nachts abgewickelt, keine Fluggäste, die sich wehren, kein Geräusch, die Öffentlichkeit wird erst informiert, wenn alles gelaufen ist.“

Perfekt! Das Gewissen ist - wie bei allen Innovatoren - eins geworden mit der Pflichterfüllung.

„Und Sammelcharter ist viel billiger und effizienter als die Einzelabschiebung per Linienflug.“

Wie viel spart man?

„Wenn ich die Maschine voll bekomme, kostet mich ein Abzuschiebender nur 1.000 Euro. Schon ab 20 Personen sinken die Pro-Kopf-Kosten unter den Preis einer Linienabschiebung.“

Das erinnert irgendwie an früher! An die Abrechnungen der Bahn bei Menschentransporten ... Nein! ich warne vor falschen Vergleichen! Wenn Eichmann heute lebte, wäre er vielleicht auch nur Abteilungsleiter in der Ausländerbehörde.

Udo Radtke ist Spezialist für Westafrika.

„Ich lese Bücher über Afrika und war schon mit meiner Familie im Urlaub dort. Ich wollte die afrikanische Mentalität studieren.“

In der Halle wird es laut. Polizisten drücken einen schreienden Afrikaner auf den Boden und stellen die 17-Jährige Belinda vor die Wand, um sie abzulichten. Dann zwingt man sie hinter einen Vorhang, wo sie sich vor uniformierten Frauen ausziehen muss. Sie ist Realschülerin in einem hessischen Fachwerk-Dorf und wurde vor acht Stunden aus dem Schlaf gerissen.

„Sie rannte unters Dach und wollte aus dem Fenster springen, unten stand ein Mannschaftswagen und richtete die Scheinwerfer aufs Haus.“

Dann wurde sie gemeinsam mit ihrem jüngeren Bruder Richie und dem Vater abgeschleppt. Die Mutter soll später folgen. Timo aus ihrer Schulklasse stand im Garten und wich ihren Blicken aus. Als Belinda wieder in die Halle gezogen wird, fragt der Psychologe:

„Wie fühlst du dich?“

‚Beschissen’, sagt sie.

„Das ist völlig normal, das geht vorbei. 13 Jahre warst du in Deutschland, da hast du viel gelernt, was du in deiner Heimat umsetzen kannst.“

Im Zeitalter der totalitären Herrschaft des Zweckmäßigen ist der Psychologe zuständig für beruhigende Worte. Aber Belinda weint. Sie hat sich erst vor drei Monaten in Felix verliebt und fürchtet, dass sie ihn nicht wieder sieht. In ihrem Alter finde man leicht einen Neuen, sagt der Psychologe. -Während sie mit den anderen ins Flugzeug getrieben wird, bricht ihr Vater in der Halle zusammen.

„Nicht transportfähig! Der Blutdruck ist zu hoch,“

sagt der Arzt. ‚Nehmen Sie mich mit,’ bettelt der Vater.

„Es geht nicht! Glauben sie mir, es ist besser so!“

sagt Radtke. Die anderen sind an Bord. Neben den Afrikanern sitzen deutsche Kontaktpolizisten.

„Sie sollen einen positiven persönlichen Kontakt aufbauen und das Verhalten der Afrikaner während des Flugs notieren.“

Radtke lässt sich in den Sitz fallen und atmet tief durch. Die Maschine hebt ab. - Hamid hat Kopfschmerzen und sucht eine günstige Lage. Polizisten hatten ihm heute Morgen Stiefelsohlen in den Nacken gestellt. Der Kontaktbeamte filmt ihn und macht Notizen über seine Bewegungsabläufe. Dann nickt er ihm freundlich zu:

„Warum bist du aus deiner Heimat weggegangen?“

Er habe das Abenteuer gesucht, sagt Hamid.

„Aber in Afrika scheint doch immer die Sonne,“

lacht der Polizist, der sich über seinen Einsatz freut:

„Ist mal was anderes als der graue Alltag im Dienst.“

Hamid war gerade mit seiner Freundin Anna zusammengezogen und wollte seine Duldung verlängern. Aber sein Sachbearbeiter hatte in einer höhnisch-triumphalen Geste bemerkt:

„Game over, Mister! Benin nimmt dich!“

Belinda begreift, dass ihr Vater nicht dabei ist, und schreit vor Verzweiflung. Ein Beamter fragt:

„Was ist denn da los? Probleme?!“

Ach Gott, sagt Belindas Kontaktbeamtin:

„Die heult schon seit Stunden.“

Radtke will lesen, aber es gelingt ihm nicht.

„Ich bekomme eine Gänsehaut, wenn ich die Afrikaner hinten jammern höre.“

Sie bekommen noch eine Gänsehaut?

„Das Wimmern ist das Schlimmste. Sie klingen dann wie Babys, die man nicht beruhigen kann.“

Wenn Radtke schon unter dem Wimmern leidet, wie werden dann Mörder erst zu leiden haben! Oder gar Massenmörder! Wer noch einen Funken Mitleid mit anderen spürt, kann den Job nicht machen. Dagegen hilft, alles Mitleid auf sich zu lenken. Damit für andere wirklich gar nichts übrig ist.

„Einmal hat eine Ghanaerin während des ganzen Fluges gesungen.“

Sie Ärmster!

„Ich bin seit 22 Stunden nicht einmal weggenickt. Polizisten dürfen nicht schlafen!“

Sie haben’s wirklich schwer! Er hört Musik.

„Céline Dion. Der Titelsong von der Titanic beruhigt mich.“

In der Ferne zucken Blitze. Sie überqueren die Sahara und befinden sich im Landeanflug auf Guinea, das bekannt ist für Polizeiwillkür, Folter und Genitalverstümmelung.

„Welcome to San Francisco!“

prustet ein Beamter. Die anderen biegen sich vor Lachen. Bis heute reicht keine Forschung in die Finsternis hinein, aus der dieser unvergrübelte Frohsinn quillt. Sie fliegen weiter nach Togo.

„Welcome to Miami!“

brüllt der vergnügte Beamte beim Anflug. Belinda will das Land ohne ihre Eltern nicht betreten. Aber Soldaten bringen sie und ihren Bruder zu einem alten, grauen Mann, der behauptet, ihr Onkel zu sein. In Wahrheit will er die 300 Euro Impfgeld für die Kinder einstreichen.

„Er wird sich um Euch kümmern,“

sagt die deutsche Botschaftsangestellte. Später stellt sich heraus: Der Onkel hielt sie wie Sklaven und im Dorf wurde Belinda „Odelo“, die „Weggeworfene“, gerufen. Dann verschwand sie und tauchte nicht wieder auf. Der sonst so kontrollierte Radtke ist wütend. Der Flughafen-Kommissar lehnt die Aufnahme eines Mannes aus Malta ab, der behauptet, Sudanese zu sein.

„Der Sprachtest ging daneben! Auch der Nummernspeicher seines Handys verrät nichts. Trotzdem: Bei einem Deutschen wäre mir das nicht passiert! Ich hätte die Deutsche Botschaft eingeschaltet und die hätte Dampf gemacht!“

Unstimmigkeiten bringen ihn durcheinander. Wenn Denken seine Autonomie eingebüßt hat, testet es nur noch, ob es den zugewiesenen Aufgaben gerecht wird, und dreht bei kleinen Abweichungen schon durch. Das Flugzeug hebt ab nach Benin. Endstation. Die Beamten werden locker. Sie schwärmen vom 4-Sterne-Hotel „Marina“. Eine Kameradin, die Mimi gerufen wird, stolziert durch den Gang und kichert:

„Aber nicht, dass ihr heute Nacht wieder in mein Zimmer kommt!“

Bellendes Gelächter. Der Polizist ruft beim Anflug:

„Welcome to New York!“

und die letzte Menschengruppe wird abgeliefert. Um Mitternacht sitzt Radtke an der Hotelbar. Ein Gitarrist singt Guantanamera. Die Kameraden planschen im Pool.

„Wir waren wieder mal gut aufgestellt. Nur den Mann aus Malta muss ich wieder mit nach Hause nehmen,“

sagt Radtke. Afrikanische Soldaten grüßen ihn respektvoll.

„Ja, ich repräsentiere Deutschland,“

sagt er stolz.

„Für sie bin ich das Gesicht von Germany! Ich bringe ihnen jedes Mal Wimpel in den Farben Hamburgs mit.“

Vor 100 Jahren hätte er sogar Glasperlen verschenkt.

„Ich versuche, das so würdig zu gestalten, wie es eben geht.“

Finden Sie das würdig?!

„Das Ganze hat schon einen tragischen Beigeschmack. Aber ich habe die Gesetze nicht gemacht! Ich wende sie nur an!

Wer bleiben darf, wer gehen muss, alles ist gesetzlich klar geregelt.“

Die Anwendung von Gesetzen war noch nie ein Verbrechen, und alles, auch die Humanität, ist schließlich dem Realitätsprinzip unterworfen und nimmt dessen Bedürftigkeit an. Wie realpolitischer Humanismus aussieht, kann man aktuell im schwarz-grünen Koalitionsvertrag in Hamburg nachlesen:

„Generell ist bei Abschiebungen dem Schutz von Ehe und Familie, insbesondere der Familieneinheit, dadurch Rechnung zu tragen, dass ... die Familienangehörigen zusammen abgeschoben werden.“

Zum Schutz von Ehe und Familie werden alle - Oma, Vater, Mutter und Kind - in einem Rutsch abgeschoben. Solche familienfreundlichen Gesten finden wir sonst nur noch auf Friedhöfen, in Gestalt der Familiengräber.