Das Wunder vom Petersplatz (Abschied von Woityla)

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von Rainer Trampert

Wir befinden uns mit Millionen gläubiger Menschen auf dem Petersplatz, um den Spiritus Sanctus tief einzuatmen. Die meisten Zitate sind aus einer beeindruckenden Reportage in der „Süddeutschen“.

Auf dem Platz fällt unser Blick zunächst auf

„viele in Purpur gekleidete Kardinäle!“

Auch

„200 Mächtige aus 80 Ländern und Tausend Würdenträger der Weltreligionen sind gekommen. Sie sitzen auf Holzstühlen mit rotem Samtbezug, umsäumt von Scharfschützen.“

Die Welt trauert. Millionen Pilger haben ihr Anti-Aging-Programm unterbrochen, um den Tod zu feiern. Darunter auch Heinrich der IV., barfuß und auf allen Vieren. Fiedel Castro ehrt

„die Symbolfigur für den Endkampf gegen den Kommunismus“

mit drei Tagen Staatstrauer. Drei Jugendliche, die mit Wandergitarre im Circus Maximus sitzen, finden es

„einfach cool, an die gebenedeite Jungfrau zu glauben, und wie Woityla Konsum, Liberalismus und Sex als Kultur des Todes geißelt hat.“

Für ihn erfüllte sich die ganze Kultur des Lebens in Askese und Diktaturen, sofern sie im Westen angesiedelt waren. Es war beeindruckend:

„Immer wieder nannte er den Hedonismus die Kultur des Todes“.

Wenn Sinneslust der Tod ist, ist das Leben der Tod, und wenn man bereits tot ist, muss man nicht mehr sterben. Deshalb verkündete Woityla statt des ewigen Lebens den ewigen Tod.

„Teenager brachen darüber in Freudentränen aus.“

Das ist verständlich. Sie sind in einem emotionalen Loch. In unsicheren Zeiten wächst das Verlangen nach Führung und starren Regeln. Aber ihre Großeltern reisen mit TUI durch die Welt, statt ihnen Märchen vorzulesen. Da kam Woityla, holte sich

„den scharfsinnigen wie scharf richtenden Kardinal Joseph Ratzinger“

als Exorzisten, und bot den Kids Schläge an.

„Die Teenager kreischten: Das ist unser Papst!“

Nur die Reform-Katholiken von ‚Wir sind Kirche‘ mäkeln:

„Er schuf innerhalb der Kirche ein Klima lähmender Angst.“

Sagt man: Dann geht doch raus! Sagen sie: Sie mögen Teufelsaustreibungen. Wie Drewermann, der sich jetzt alleine verdreschen muss, was ihn sichtlich depressiv macht. – Da gehen die Flügel der bronzenen Pforte auf

„und der Sarg aus Zypressenholz wird über den Platz getragen“.

Vor dem Sarg schreitet der Zeremonienmeister

„Piero Marini mit der dicken Hornbrille“.

Er legt das Evangelium auf den Sargdeckel und

„sieht einsam aus, wie er vor dem Sarg steht, während unter seinem Gewand die lilafarbenen Bischofssocken blitzen. Marini ist“

nämlich weg vom Fenster, wie auch andere Günstlinge von Woityla, und er hat viel verloren. Sein Domizil

„ist voll wertvoller Lexika und Weihrauchschalen, Evangelienbücher, Kreuze und Zepter, sowie und Siegel verblichener Päpste.“

die er nicht mehr beiseite schaffen konnte. Auch

„Kardinal Harvey aus den USA, der für seine Besuche zuständig war, steht verloren im Schatten herum,“

während oben am Himmel

„Kampfjets ein Kleinflugzeug abfangen, von dem es heißt, es habe eine Bombe an Bord. Später stellt sich heraus, dass es sich um die mazedonische Delegation handelt.“

Das muss kein Widerspruch sein. Doch plötzlich

„fegt über den Petersplatz ein heimtückischer Wind, der in kurzen heftigen Stößen kommt“,

und mit dem heiligen Geist erscheint Ratzinger, dem nur das Mittelalter nicht suspekt ist. Manisch

„schnüffelt er überall nach Irrglauben und Ketzereien“,

und bezeichnet Hexenverbrennungen als Fortschritt,

„weil es sie nie ohne ein geregeltes Rechtsverfahren gegeben hat“.

Kommunismus ist für ihn

„die Schande unserer Zeit. Auch seine Metamorphosen: Kritik an der westlichen Kultureroberung, Feminismus und Ökologie.“

Dieser ganze moderne Kram. Ratzinger war, wie sein Vorbild Woityla, ein großer Anhänger von Diktatoren.

„Es geht um Befreiung von der Sünde, nicht um Befreiung von Großgrundbesitzern,“

sagte er, und Ratzinger exkommunizierte 150 Priester der Befreiungstheologie von Guatemala bis Brasilien. Viele wurden wurden danach von den Killerkommandos ihrer Freunde ermordet. In Chile hatte Woityla gerufen:

„General Pinochet ist ein großer Freund der Katholischen Kirche“

Anschließend

„ließ der Papst den Stock zur Musik kreisen und zwei Millionen Jugendliche tobten, als wäre Robbie Williams aufgetreten. Aber am nächsten Morgen war die Wiese mit Kondomen übersäht“.

Ratzinger war so erbost, dass er die Streckbank vorschlug, aber Woityla beruhigte ihn: Auch ein Großinquisitor dürfe sich der Spaßgesellschaft nicht verschließen! Und: Wenn wir sie erst blöde gemacht haben, bringen wir sie auch davon ab. – Auf dem Platz vor dem Petersdom

„kräuselt der Wind die roten Trauergewänder der Kardinäle“

und lilafarbene Socken blitzen auf. Der Wind sammelt sich in der Ecke Audienzhalle und Sant‘Uffizio, der Zentrale der Inquisition, legt wieder los und verweht

„die fein ondulierten Frisuren der Damen, bläst durch die Haare der Staatsmänner und treibt Ratzinger eine Haarsträhne in die Stirn“.

Der ruft: Paul sei soeben auferstanden!

„Wir können sicher sein, dass unser geliebter Papst jetzt im Haus des Vaters am Fenster steht.

Die Menge ruft:

„Santo, Santo!“

Ratzinger:

„Er sieht uns und er segnet uns!“

Die Menge:

„Santo Subito! Santo Subito!“

Ratzinger schwenkt die Kanne

„und die Sturmböen bringen die blutroten Gewänder zum Wallen und lassen sie mit den weißen Chorhemden der Priester zu einem rotweißen Schleier-Ballett verschmelzen.“

Der Tanz der Derwische! Iranische Geistliche drehen sich im Kreis.

„Beifall brandet auf“

und der Wind

„hebt die Käppis der Kardinäle und fegt die Federbüsche der Schweizgardisten durcheinander“.

Ratzinger ruft ins bunte Treiben:

„Auf, lasst uns gehen! Das sagt er uns auch heute noch!“

Ja, lasst uns gehen! Ruft die Menge.

„Er opferte sein Leben für seine Schafe.“

Ja, wir sind seine Schafe, weinen Teenager, und als er hinzufügt:

„Der frühe Verlust der Mutter hat ihn zur Marienliebe gebracht“,

da müssen auch die Staatsmänner weinen. Chirac, Schröder, Juan Carlos, auch Ghaddafi. Erschrocken

„blättert der Wind im Evangelienbuch, das aufgeschlagen auf dem Sarg liegt“.

Er spielt mit den einzelnen Seiten

„bis eine besonders starke Böe die Buchdeckel mit voller Wucht zusammenschlagen lässt!“

Der Heilige Geist hat das Evangelium zugeklappt, feixt Chatami, und vom lauten Knall erschrickt Woitylas Sekretär Stanislaw Dziwisz.

„Er sitzt allein in einer Ecke im violetten Sitzblock.“

Keiner will mit ihm sprechen,

„weil Don Stanislaw, wie Kritiker ihn abfällig bezeichnen, Kopf der polnischen Mafia im Vatikan ist“,

die nun ihre Macht verliert. - Ratzinger hebt feierlich an:

„Es bleibt unvergessen, wie der Heilige Vater, vom Leiden gezeichnet, am Ostersonntag sich am Fenster des Apostolischen Palastes gezeigt hat und ein letztes Mal den Segen Urbi et orbi“

sprechen wollte. Aber er hatte nur gegrunzt und am Ende wie ein Karpfen nach Luft geschnappt.

„Bei der bauchnabelfreien Jugend kam das gut an und Scharen von Nonnen entlockte das Verzückungsschreie.“

Aber was wollte er sagen? Stanislaw behauptet, er habe ihm die Dollarreserven vermacht. Andere haben rausgehört, er hätte Fürst Reinier gute Besserung gewünscht. Die dritte Gruppe meint, er hätte gesagt: ‚Lass‘ diesen Kelch an mir vorübergehen!‘ weil Marini mit einer Dornenkrone angerückt war, um ihn noch authentischer zu vermarkten.

„Der Wind hebt die blutroten Röcke der Priester, die nun in wilden, kraftvollen Bewegungen über das Pflaster tänzeln.“

Chatami dreht sich immer schneller im Kreis und der Kommentator der Süddeutschen dreht leider durch.

„Der Papst verkörperte, was uns fehlt! Es fehlen uns die Weltenführer!

Ihm fehlt ein Weltenführer! Das muss man ernst nehmen.

„Wann haben wir Deutsche zuletzt aus höchsten Mündern Welt- und Zeitbetrachtungen vernommen, die über des Tages Tellerrand wirklich hinausreichten?“

Na ja, vor 60 Jahren: Volk ohne Raum?

„Wo sind die Instanzen der Geisteswelt, die uns Suchenden in der Brandungsgischt der Aktualitäten sichtbare Lichter aufstecken und damit einem Woityla Paroli bieten könnten, ohne sein Wirken gleich mit Karl Marx als Opium fürs Volk zu verdammen?“

Der Redakteur liegt in der Opiumhöhle, zieht sich die Pfeifen rein, sabbert vom deutschen Weltenführer in der Brandungsgischt, und verlangt, dass man ihn ernst nimmt.

„Es fehlen uns sein langer Atem und seine Beharrlichkeit!“

Beharrlich … bat Paul um Verständnis,

„dass homosexuellen Frauen und Männern Wohnungen und Lehrerberufe verweigert werden“.

Über Kindesmissbrauch in der Kirche hob er schützend seine Hände und die Diskussion um Priesterinnen hat er verboten.

„Aber man wird notieren, dass er das Urteil gegen Galilei aufhob!“

Die Erde kreist seit Kurzem um die Sonne! Aber bis es blieb bis zuletzt unklar, ob er schon das Lamm oder noch das Menschenopfer bevorzugte.

„Es fehlt uns seine Hingabe an eine große Idee“,

Abtreibung mit der Judenvernichtung gleichzusetzen?

„Der Papst reiste immer zu den Ärmsten der Armen, und wo er war, fragte er stets: Wie viele seid ihr?“

Noch! Wieviele seid ihr noch? Wollte er wissen, denn sein Kondom-Verbot ist das Todesurteil für viele Gläubige. Plötzlich grübelt der Mann von der Süddeutschen,

„ob das oberflächliche Fernsehen als Gefäß für seine ernsthafte Botschaft taugt … Hollywood hat er nicht besiegt, der Jahrhundertmensch. Die grausamen Triumphe der Banalität und Brutalität, die Beichtkultur der Afternoon-Shows, den Schrott der Telenovelas, die Verrohung und Gleichschaltung von hunderten Millionen Menschen konnte er nicht bannen. Aber es bleibt sein ungeschmälertes Verdienst: In dieser Brandung war er ein Fels.“

Nein! Er war die Brandung! In einer weltweiten Übertragung einen Sterbenden aufs Fensterbrett zu setzen und ihn rapmäßig grunzen zu lassen, so obzön ist kein Dschungel-Camp. Das schafft nur, wer 2000 Jahre Medien-Erfahrung hat und kein Schamgefühl kennt. Um das zu toppen, müsste Hollywood den Nachfolger ans Kreuz nageln und Rom anzünden ... Aber wer weiß! Vielleicht läßt der Vatikan dann die Löwen auf Hundert alte Männer in lilafarbenen Socken los … und hätte wieder die Nase vorn‘.