Schröder, Chirac und Putin in Kaliningrad

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von Rainer Trampert

Im Sommer feierte Kaliningrad - den Deutschen besser als Königsberg bekannt - 750sten Geburtstag. Putin hatte eingeladen. Nicht sehr breit, nur seine beiden besten Freunde: Jaques Chirac und Gerhard Schröder. Chirac kam alleine, Schröder mit einem Pressetross, darunter einer vom Spiegel und Jürgen Manthey von der „Frankfurter Allgemeinen“ (von dem alle nicht anders bezeichneten Zitate sind). Die Gruppe schlendert durch die Straßen, und während Chirac sich eigentlich für nichts interessiert, sieht Schröder sofort,

„dass in Königsberg nichts restauriert wurde“.

Nicht wahr, Herr Bundeskanzler, sagt Manthey,

„eine Schönheit ist die Stadt wirklich nicht geworden“.

Das käme von den Briten, sagt der Mann vom Spiegel. Hitler habe die Stadt zur Schutzzone erklärt, aber dann – wie aus heiterem Himmel

„wurde die Wiege Preußens von 800 britischen Bombern vernichtet“.

Chirac, der gerade

„seine Abneigung gegenüber der britischen Küche unverhohlen zum Ausdruck gegeben hatte“,

fragt, ob sie von Briten etwas anderes erwartet hätten.

„Wir Franzosen können jedenfalls keinen Leuten trauen, die schlechtes Essen haben.“

Er schüttelt sich vor Lachen und Manthey sagt: Nach den Bomben seien die Russen gekommen, aber:

„Sonderlich viel haben sie nicht gemacht, die Neuansiedler.“

Daran könne man erkennen, drängt der Spiegel-Journalist,

„dass die Auseinandersetzung, auf welches historisches Erbe sich die Stadt berufen darf, keine akademische Frage ist“,

sondern eine emotionale. Die Russen haben eben keine Bindung zu der Stadt, sagt Manthey, während die deutsche Treue zu Königsberg so tief sitze,

„dass heute noch viele deutsche Touristen die einzige Sehenswürdigkeit der Stadt besuchen“.

Es ist nicht das Kant-Denkmal, das die Russen für sie gebaut hatten, weil sie nicht ahnen konnten, dass deutsche Touristen gar nicht wissen, wer das ist. Nein, sagt Manthey,

„die deutschen Touristen steigen ab in die Katakomben des letzten Befehlsstandes von Otto Lasch, dem Kommandanten der von Hitler zur Festung erklärten Stadt,“

und er vermute, die Russen hätten den Bunker absichtlich nicht restauriert. Die Restauration, sagt Chirac, sei doch auch Sache der Briten. Sie spazieren weiter

„und kommen zum Haus der Sowjets, das nie fertig geworden ist“.

Kein schönes Haus, sagt Chirac, aber Kultur messe er nicht an der Architektur, sondern am Essen, was nicht die starke Seite der Angelsachsen sei, wenn sie denn eine hätten. Alle müssen lachen, nehmen aber Haltung an,

„als der Alexandrow-Chor der russischen Armee zu singen beginnt“.

Nach dem Chor spricht Putin über die deutsch-russische Freundschaft. Im 17. Jahrhundert habe Peter der Große

„vier Wochen lang in Königsberg bei dem preußischen Oberingenieur von Sternfeld Unterricht im Kanonenschießen genommen.“

Dafür sei er so dankbar gewesen, dass er

„den preußischen Kaufleuten die Handelswege durch ganz Rußland, und zwar gleich bis nach Persien und China öffnete“.

Viel mehr will ich auch nicht, flüstert Schröder Chirac zu, noch Öl und Gas und die Achse gegen Angloamerika.

„Was haben die Briten denn von den Amerikanern zu gewinnen?“

fragt Chirac in die Runde und antwortet selber:

„Nichts, rein gar nichts, außer Schulden!“

Sie ziehen weiter. Dann legt Schröder

„am Kant-Grab beim Dom einen Kranz nieder“

und hebt zu einer feierlichen Rede an:

„Die Einladung hat mich tief berührt, ist Königsberg doch seit Jahrhunderten mit der deutschen Geschichte verbunden.“

Ein Deutscher habe vor 750 Jahren den Grundstein gelegt.

„Der böhmische Fürst Ottokar II ...“,

ein Sudetendeutscher, flüstert Manthey Chirac zu,

„ … war mit dem Deutschen Ritterorden gen Osten gezogen, um im Zeitalter der Kreuzzüge die Prußen zu christianisieren“.

Als die von Jesus nichts wissen wollten, haben sie alle Prußen niedergemetzelt und sich selber Pruzzen genannt. Seitdem hängen die Deutschen an der Stadt, von der damals noch nichts zu sehen war. Die Ritter hatten nämlich ein Problem: Für die Geschichtsbücher sollten sie Königsberg gründen, sie wussten aber nur, wie man Städte zerstört, weil sie neidisch waren. Alle bereicherten sich

„nur die Ordensritter durften als Geistliche keinen Besitz erwerben“.

Da haben sie von Russland bis Brandenburg alle Gebäude kaputt gemacht und sich anschließend beklagt, dass die Einheimischen sie nicht restaurieren. Dann waren

„Lübecker Kaufleute vorbeigekommen, um am unteren Pregel einen Ableger ihrer Heimatstadt, eine Art zweites Lübeck, zu gründen.“

Sie bauten ein Rathaus. Der Orden machte es kaputt. Sie bauten eine Kornkammer, der Orden fackelte sie ab.

„Diese Spannungen zwischen Ritter und Rathaus bestimmten jahrhundertelang das politische Klima in Königsberg. Und so entstand dort ein einzigartiges geistig-politisches Klima“,

welches Kant inspiriert habe, sagt Schröder, zu erkennen:

„Die Zwietracht ist die Voraussetzung für die Eintracht.“

Der Lehrsatz der preußischen Aufklärung! Alle Widersprüche haben sich am Ende der staatlichen Eintracht unterzuordnen oder die Polizei kommt. Doch dann

„hatte sich der letzte Hochmeister Rat bei Martin Luther geholt“.

Luther riet ihm: Er solle doch einfach

„den Ordensstaat in ein weltliches Herzogtum umwandeln“.

Dann dürfe der Orden Reichtum erwerben, soviel er wolle.

Gesagt, getan. Die Lübecker durften Königsberg bauen. Die Ritter kassierten Steuern und manche werden fragen: Warum gelten die Lübecker nicht als Gründer der Stadt?

„Königsberg, die Wiege Preußens,“

haucht deutsche Geschichte. ‚Die Wiege Lübecks‘, haucht gar nichts. – Nach einer Aufzählung aller Persönlichkeiten, die mal in Königsberg waren, beendet Schröder seine Rede

„und die Veteranen des vaterländischen Krieges tanzen den Siegeswalzer“.

Eine gute Rede, sagt Chirac, aber Schröder hätte die Besetzung der Stadt durch Napoleon mal kurz erwähnen können. Manthey ist so ergriffen, dass er zu Schröder eilt, um sein Inneres nach Außen zu kehren. Herr Kanzler,

„ich hatte immer einen Lebenstraum. Meine Lieblingsvorstellung war lange Zeit, einmal zu Fuß um die Ostsee herumzugehen. Aber schon hundert Kilometer hinter Danzig wäre an ein Weiterkommen nicht zu denken gewesen.“

Immerhin, lacht Schröder, wenn er ums Nordufer gegangen wär‘, hätte er schon in Dänemark umkehren müssen. Der Skagerak! Die Natur ziehe oft noch engere Grenzen als die Bolschewisten. Chirac, dem der Lebenstraum wunderlich vorkommt, langweilt sich. Er nimmt Schröder beiseite

„und erzählt ihm seinen Lieblingswitz. Was ist der britische Beitrag zur europäischen Landwirtschaft? - - - Der Rinderwahn!“

Nun müssen beide,

„obwohl ein Hauch Abschied in der Luft liegt,“

brüllend lachen, und Schröder prustet: Treffen sich zwei zerfetzte Amis in der Wüste; sagt der eine … Siehst du, sagt der Mann vom Spiegel zu Manthey: Das ist eben der Unterschied zu Angela Merkel,

„diese Frau kann sich für nichts richtig begeistern.“